Kastration bei Rüde und Hündin – LVZ – 14.Mai.2013

Frage:  Herr Dr. Jähnig, unser Beitrag in der letzten Woche über die „meist illegale Hundekastration“  hat zu zahlreichen Reaktionen von Hundebesitzern, Tierschützern und sogar Tierärzten geführt. Ist die Kastration bei Hunden wirklich illegal und gefährlich, wie es das Newsletter des Tierheimes suggeriert?

Antwort: Von Tierärzten durchgeführte Kastrationen sind weder illegal noch wirklich gefährlich. Prinzipiell sollte jeder chirurgische Eingriff bei Hunden wohl abgewogen und in Ruhe mit dem Haustierarzt besprochen sein. Das gilt natürlich auch für die Entfernung der Keimdrüsen bei Rüde oder Hündin, was die Kastration bedeutet.

Frage: Warum ist denn eine Kastration beim Rüden so umstritten?

Antwort: Zunächst gibt es eine ganze Reihe von Krankheiten, bei denen die Kastration geboten ist: dazu gehören der unvollständige Hodenabstieg (Kryptorchismus), Hodentumore, die gutartige Prostatavergrößerung des älteren Rüden und Perianaltumore. Auch die Haltung des Tieres, z.B. bei Mehrhundehaltung (Rangordnungskämpfe, unkontrollierte Vermehrung) kann im Einzelfall einen Kastrationsgrund darstellen.

Vorsicht ist geboten bei der Kastration von Rüden zur Beeinflussung des Verhaltens. Hier werden nur wirklich testosterongesteuerte Verhaltensprobleme beeinflusst. Ein notwendiges Verhaltenstraining ersetzt die Kastration nie. Sogar schädlich wird die Kastration bei der Angstaggression von Rüden. Hier führt der durch Kastration ausgelöste Mangel an Testosteron eventuell zu einer Verschlimmerung des unerwünschten Verhaltens. Deshalb haben wir die generelle Kastration von Rüden vor der Abgabe im Tierheim Leipzig schon vor Jahren eingestellt.

Frage: Es gibt eine neue Möglichkeit, die Wirkung der Kastration beim Rüden zu prüfen?

Antwort:  Seit der Einführung eines Hormonchips zur medikamentellen  „Kastration“  vor etwa 3 Jahren ist es möglich, Rüden für ein halbes Jahr oder länger völlig „geschlechtsneutral“ zu machen. Der Testosteronspiegel sinkt bis auf null und die Rüden sind in dieser Zeit auch zeugungsunfähig. Dabei kann der Besitzer die Kastrationswirkung beobachten, evtl. ein Verhaltenstraining optimieren, und dann nach Wiedereinsetzen der Testosteronproduktion mit dem Tierarzt neu entscheiden, ob eine chirurgische Kastration sinnvoll ist.

Dieser Hormonchip ist natürlich auch praktisch, um bei alten, narkosegefährdeten Rüden oder  OP-unwilligen Besitzern die gesundheitlich notwendige Kastration medikamentell durchzuführen.

Frage: Wie sieht die Situation bei der Hündin aus?

Antwort: Auch bei der Hündin gibt es eine Reihe gesundheitlicher Probleme, die durch die Kastration geheilt werden: Gebärmuttervereiterung oder –tumore, Eierstocktumore, progesteronabhängiger Diabetes (Zuckerkrankheit), Tumore der Milchleiste u.a. Da ist häufig eine schnelle Entscheidung zur Kastration lebensrettend.

Diskutiert wird über die krankheitsvorbeugende Kastration, z. B. wegen Mamatumoren oder der Gebärmuttervereiterung.  Es ist erwiesen, dass eine Kastration vor der 2. Läufigkeit der Hündin die Häufigkeit von Mamatumoren im Alter deutlich mindert. Deshalb wird auch an der Universität Leipzig diese Methode empfohlen.  Wenn Sie wie wir in der Praxis mehrmals monatlich lebensgefährliche Gebärmuttervereiterungen bei älteren Hündinnen operieren, dann raten Sie auch, diese Gefahr durch eine Kastration im jungerwachsenen Alter zu verhindern. Aber auch ein Leiden unter der Läufigkeit, Probleme der Scheinträchtigkeit und die Gefahr der unkontrollierten Vermehrung können individuelle Gründe für eine Kastrationsentscheidung sein.

Frage: Nun heißt es bei Juristen: „Ein in geordneten Familienverhältnissen gehaltener Hund kann problemlos so weit kontrolliert werden, dass er sich nicht fortpflanzt.“

Antwort: Das klingt sehr gut. Und was ist, wenn nicht? So „problemlos“ ist das gar nicht, da Hunde in der Läufigkeit sehr erfinderisch sind…  Dann wird der Tierarzt die ungewollte Trächtigkeit hormonell abbrechen müssen. Diese Behandlung beinhaltet immer das Risiko einer Gebärmuttervereiterung. Wir raten unseren Besitzern in diesem Fall sogar lieber zur Kastration der Hündin als des Rüden, da die Hündin sich selbstverständlich auch von anderen Rüden decken lässt und mit der Kastration der Hündin weitere Vorteile verbunden werden können.

Frage: Nun gibt es sicher auch Nebenwirkungen der Kastration der Hündin?

Antwort: Leider ja. Die häufigste (bei großen Hunden bis 10 %) und unangenehmste ist das sog. Harnträufeln, eine Inkontinenz der Harnblase, die 1 bis 3 Jahre nach der Kastration auftreten kann und dann lebenslang medikamentell behandelt werden muss. Alle anderen Nebenwirkungen (Babyfell  bzw. Haarausfall, Milcheinschuss, Verengung der Vulva) sind äußerst selten und spielen eigentlich keine Rolle.

Frage: Wie stehen Sie zur Frühkastration vor Einsetzen der Pupertät?

Antwort: Chirurgisch stellt die Frühkastration kein Problem dar. Die Hunde heilen in diesem Alter sogar schneller. Doch es ist anzunehmen, dass die Entfernung der Keimdrüsen vor dem Ausreifen des Körpers  ungünstige Wirkungen auf Knochen, Gelenke und Muskulatur, aber auch auf Reifungsvorgänge anderer Organe und das Verhalten hat. Studien dazu sind leider noch spärlich. Wir empfehlen deshalb, mindestens die 1. Hitze vor der Kastration abzuwarten.

Frage:  Gibt es eine generelle Antwort auf die Kastrationsfrage?

Antwort: Ihre Frage impliziert natürlich schon die Antwort: Jede Kastration sollte sehr individuell zwischen Tierhalter und Haustierarzt besprochen werden. Allein die Gefahr der Harninkontinenz bei bestimmten Rassen (Boxer, Dobermann, Pinscher u.a.) kann die Antwort auf die Kastrationsfrage negativ beeinflussen.